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Burger Volksstimme, 24. September 2025, Seite 17
Neues Leben an der Klappermühle
Traum-Adresse mit Seeblick: Mit EU-Fördergeldern entsteht in einem der ältesten Häuser von Friedensau Platz für junge Leute und erholungsuchende Touristen. Wer davon profitieren kann und was Kelloggs-Cornflakes damit zu tun haben.
VON STEPHEN ZECHENDORF
FRIEDENSAU. In Friedensau sehen sogar ehemalige Fabriken ziemlich schmuck aus. Derzeit wird die einstige Nährmittelfabrik an der Ihle mit Hilfe von Fördermitteln zu Wohnungen umgebaut. Das könnte auch für Feriengäste interessant sein, die in dem adventistisch geprägten und internationalen Hochschulort mal eine Auszeit nehmen wollen. Man könnte es als „Top-Lage“ bezeichnen: Das Backsteingebäude liegt am Ufer der Ihle mit unverbaubaren Blick auf den Schwimmteich. Die wichtigsten Versorgungseinrichtungen sind einen halben Steinwurf entfernt: Kita, Ladencafé und die Festscheune. Wer hier einziehen möchte, muss jedoch entweder Absolvent eines Freiwilligen ökologischen Jahres sein, oder Glück haben, dass gerade eine der fünf neuen Wohnungen als Ferienwohnung genutzt werden kann.
Fünf neue Wohnungen
„Es gab in der Vergangenheit immer Unsicherheiten, wie viele der verfügbaren Wohnungen auf dem Hochschulcampus für Studierende vorgehalten werden müssen, und wie viele dann noch für die FÖJler frei sind“, berichtet Rüdiger Schröter, Ortsbürgermeister in Friedensau. Mit der derzeitigen Sanierung der „Alten Bäckerei“ kann das Problem gelöst werden und zusätzlich das touristische Angebot im Ort optimiert werden. Nachdem in den Jahren 2022 bis 2024 mit EU-Fördermitteln die denkmalgeschützte Gebäudehülle energetisch saniert werden konnte, läuft jetzt der Innenausbau des Obergeschosses und des Dachgeschosses. Fünf Wohnungen sollen hier entstehen. Mit 100.000 Euro – das entspricht etwa 60 Prozent der förderfähigen Investitionsmaßnahmen – unterstützt die Europäische Union die aktuelle Maßnahme an dem denkmalgeschützten Gebäude, das eine beeindruckende Geschichte zu erzählen hat.
Mit sieben Schülern gestartet
Als „Klappermühle des Herrn Knochenmuß“ ist dieses idyllische Fleckchen an der Ihle schon länger auf historischen Karten zu finden. Der Name „Friedensau“ kam erst, als die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten die Mühle im Jahr 1899 erwarb, um in der „Industrie- und Missionsschule“ den Glauben zu lehren und von hier aus in die Welt zu tragen. Der Unterrichtsbetrieb begann mit zunächst sieben Schülern. Zuletzt diente das Gebäude als Kinder- und Jugendzentrum. Nun entsteht hier Wohnraum für bis zu fünf FÖJler. Sollten nicht alle belegt sein, kann die größere als Ferienwohnung genutzt werden. Vermieter sind die Anstalten der Siebenten-Tags-Adventisten.
Lernen und Arbeiten
Am 17. Oktober 1899 fand die Grundsteinlegung der Nährmittelfabrik Friedensau statt. Die Gründer von Friedensau verfolgten damals das Ziel, „eine Ausbildungsstätte aufzubauen, in der Prinzipien einer ganzheitlichen Pädagogik umgesetzt“ würden, heißt es auf einer Info-Tafel neben dem Gebäude: „Deshalb war es ihnen wichtig, neben der theoretischen Ausbildung auch die Möglichkeit zu schaffen, am Nachmittag praktisch zu arbeiten.“ Die Schülerinnen und Schüler sollten in der Landwirtschaft, der Hauswirtschaft oder in anderen Erwerbsbetrieben einer Tätigkeit nachgehen, mit der die Ausbildung finanziert und gleichzeitig ein Ausgleich zwischen Lernen und Arbeiten erreicht werden könnte. Und jetzt fällt ein berühmter Name, der gerne mit Friedensau in Verbindung gebracht wird: Friedensau erhielt vom amerikanischen Erfinder der Cornflakes, John Harvey Kellogg, die Genehmigung, Knusperflocken und andere vegetarische Produkte herzustellen. Zu diesem Zweck wurde die Nährmittelfabrik gebaut. Wegen der schwierigen Verkehrsanbindung entschloss man sich aber schon 1914, die Nährmittelfabrik nach Hamburg zu verlegen.
Kinder statt Hechte
Die freigewordenen Räume wurden zur Bäckerei umgebaut, welche die Bäckerei die Bevölkerung von Friedensau und Umgebung bis 1977 versorgte. Noch steht der alte riesige, mit Dampf betriebene Backofen im Erdgeschoss. Doch an eine Wiederinbetriebnahme sei nicht zu denken, sagt Rüdiger Schröter. Ein Ofensetzer hatte erklärt, man müsste alles komplett neu abtragen und neu aufbauen. Schon ein anderer Traum von Auferstehung früherer Industrietechnik ist in diesem Gebäude geplatzt. Vor Jahren hatte man in Friedensau geplant, wie schon zu Gründerzeiten die Wasserkraft der Ihle zur Energiegewinnung nutzen. Doch der Einbau eines Wasserrades scheiterte an den Zweifeln der Behörde, dass der Hecht es nicht durch den geplanten Fischaufstieg schafft, erzählt der Friedensauer Ortschef. Für das Erdgeschoss haben die Eigentümer inzwischen andere Pläne: Angedacht ist, in einem späteren 3. Bauabschnitt weitere Räume für die benachbarte Kindertagesstätte einzurichten.